6. Lindauer Symposion für Religionsforschung

28. September bis 1. Oktober 2014

Höhlen, Kultplätze, sakrale Kunst ...

Urgeschichtliche Befunde
und ihre Parallelen in der schriftgestützten Religionsgeschichte.
Ein Austausch.



Exposé


Religion scheint seit Urzeiten ein Merkmal des Menschen zu sein. Materielle Zeugnisse dafür aber begegnen – nach heutigem Kenntnisstand – erst seit dem Jungpaläolithikum, also seit etwa 40 000 Jahren. Sie, und auch noch die späteren Befunde des Neolithikums werden im Fokus unseres Treffens stehen. Da fixierte Texte damals für die Ausübung von Religion unerheblich gewesen zu sein scheinen, bleiben wir hier auf materielle Befunde wie Kult- und Begräbnisstätten, vor allem aber natürlich auf die oft so großartigen Bildwerke verwiesen.

Auch für die spätere Religionsgeschichte ist Vieles noch immer unklar – trotz der Entzifferungen und linguistischen Analysen der Schriftzeugnisse aus dem Zweistromland, Ägypten, Iran, ... Altamerika. Dennoch haben diese Schriftzeugnisse unser Verständnis der früheren Menschen und ihrer Religionen revolutioniert; nicht zuletzt deshalb, weil moderne Theorien zumal der Psychologie in diesen Schriftzeugnissen vielfältige Reibung finden.

Ziel unseres Symposions ist es, die materiellen Befunde der noch schriftlosen Epochen mit schriftlichen und schriftgestützten religionswissenschaftlichen Befunden späterer Epochen gleichsam gegenzulesen und sie – methodisch behutsam – enger zusammenzuführen. Beispiel Höhlen:

Die schriftgestützte Religionswissenschaft kennt eine große Zahl von realen Kulthöhlen und literarischen Höhlenmotiven, die in Vielem an die bemalten Höhlen des Jungpaläolithikums erinnern. Dazu gehören die mythischen Geburts-, Reichs- und Welteröffnungshöhlen etwa eines Indra, Mithra und ihrer königlichen Repräsentanten; dazu gehören die Theaterhöhlen und Spelunken Indiens, Griechenlands und Roms; dazu Platons berühmtes Höhlengleichnis und seine Verwandten; dazu die ungezählten Götter- und Zwergenhöhlen mit ihren Goldadern, ihren Schmieden, ihrem oft sonderbaren Getier und ihren bisweilen unheimlichen, bisweilen aber auch wild musizierenden und ekstatisch tanzenden Bewohnern. Dazu gehören aber auch noch die mit Ochs und Esel bestückten Weihnachtshöhlen der Ostkirchen, die Kirchen- und Kathedralenarchitektur, die Mariengrotten, die Eremitagen Heiliger ... Und dazu gehören selbstverständlich die von Geheimnis und sakraler Scheu umwehten Höhlen der Literatur; nicht nur bei den Grimms und bei Tolkien, auch bei E. T. A. Hoffmann, Novalis, Jean Paul, Nietzsche ... – Und Ähnliches wie für Höhlen, gilt für sakrale Berge und Felsen; aber auch für sakrale Boviden, Felinen, Mensch-Tier-Metamorphosen, Phänotypen des Weiblichen und manches mehr.

Dies nur als herausgegriffene Andeutungen, die nicht mehr als mögliche Fluchtpunkte für unseren Austausch sein wollen. Ohnehin erwies es sich in unseren Symposien als fruchtbar, wenn die einzelnen Referentinnen und Referenten nach eigenem Gutdünken Interessantes aus ihren Arbeitsgebieten vorstellten – seien es nüchterne archäologische Befunde, heuristische Reflexionen, ... oder kulturübergreifende und in Urzeiten zurückweisende Konvergenzen in schriftlichen oder mündlichen Überlieferungen. Medium der Vernetzung und möglicher Synthesen soll zuoberst unser „Gastmahl“ selbst sein – und dies nicht nur im Rahmen der „offiziellen“ Referate und Diskussionen ...

Harald Strohm




Teilnehmer waren:

Gerhard Bosinski, Michael Witzel, Nikolai Grube, Harald Floss, Bernhard Lang, Tilman Lenssen-Erz, Pablo Arias-Cabal, Helmut Schlichtherle, Léon Wurmser, Harald Strohm.



Programm

Sonntag, 28. September

Treffen im Hotel Reutemann

18.00 Uhr Schiffahrt (von Anlegestelle 2) nach Bregenz

Gemeinsames Abendessen im „Kornmesser“

20.45 Uhr Nepomukkapelle gleich nebenan:


Eröffnungskonzert

Elena Graf, Violine – Gabriel Faur, Violoncello



Montag, 29. September

Altes Rathaus, Kleiner Saal


9.00 Uhr

Gerhard Bosinski, Harald Strohm: Vorbemerkungen


9.30 Uhr

Michael Witzel: Die Ursprünge der Mythologie: historisch-vergleichende Rekonstruktionen


11.00 Uhr

Harald Floss: Löwenmann und Wisentfrau - Hinweise auf religiöse Praktiken im frühen Jungpaläolithikum Europas


Mittagspause


14.30 Uhr

Bernhard Lang: Lazarus, komm aus der Höhle! Ein religionsgeschichtlicher Versuch über Johannes 11.


16.00 Uhr

Harald Strohm: Die Höhle des Barhatakin – Überlegungen zur möglichen Annäherung an frühe, textlose Kulturen


18.30 Uhr Abendessen im Gasthof Sünfzen


20.15 Uhr

Abendvortrag


Gerhard Bosinski: Schematische Frauendarstellungen als graphische Kommunikation im späteiszeitlichen Europa (13 500 - 11 000 v.Chr.)



Dienstag, 30. September

Altes Rathaus, Kleiner Saal


9.15 Uhr

Nikolai Grube: Löcher in der Stein-Zeit: Höhlen als zeitlose Gegenwelten bei den Klassischen Maya.


10.45 Uhr

Tilman Lenssen-Erz: Mehr Licht! - Die Wirkung von Höhlenräumen auf die menschliche Handlungsautonomie (agency)


Mittagspause


14.00 Uhr

Pablo Arias-Cabal: Unterirdische Zeremonien? - Ein Beitrag zur Untersuchung der rituellen Räume und Strukturen im südwesteuropäischen Jungpaläolithikum


15.30 Uhr

Helmut Schlichtherle: Zeichen, Figurationen und rituelle Objekte aus den Pfahlbausiedlungen des Bodensees und anderen neolithischen Fundstätten nördlich der Alpen


16.40 Uhr

Hinführung von Harald Strohm zu dem ausgehändigten Papier (des nicht mehr reisefähigen)

Helmut Humbach: Herz, Feuer, Seele – Bekehrung im vorgeschichtlichen Iran


19.00 Uhr Abendessen Bürstergasse 3



Mittwoch, 1. Oktober

Unterer Schrannenplatz, neben dem Diebsturm


9.15 Uhr

Gerhard Bosinski: Der große Jäger. – Gedanken zu einer Darstellung von Gönnersdorf am Mittelrhein


10.45 Uhr

Leon Wurmser: Aus der Höhle des Unbewussten und dem Untergrund der Seele: Grundloser Haß als Krieg gegen die Scham – Betrachtungen zu Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“


12.00 Uhr Schlussdiskussion


12.30 Uhr Ende des Symposions

 

Angebot für die, die noch eine Nacht blieben:

15.00 Uhr Fahr mit dem Schiff nach Bregenz

Führung im neuen Landesmuseum von Ulrike Längle

 

Alle Beiträge werden in einem Sammelband veröffentlicht