7. Lindauer Symposion für Religionsforschung

25. bis 28. September 2016

 

Könige, Priester, Narren

zur Genesis von Staat und Theater

 


 

Exposé


Wer, zum Beispiel in Lindau, einen Blick erst in das örtliche Theater und dann in die barock-katholische Kirche wirft, kann die Parallelen schwerlich übersehen. Hier wie dort stehen sich der Bezirk für die Inszenierung und der Raum für das zuschauende „Volk“ gegenüber, beide durch Abstufung getrennt, aber doch unter dem bemalten und von einem Säulenhain hoch gestemmten Himmel einer übergreifenden Höhle vereint und vom Profanenen des Alltags abgegrenzt. Goldüberzogene Flächen, hinter Stuckwolken hervorbrechende Sonnenstrahlen sowie rote Teppiche und Vorhänge tauchen alles ins illusionäre Licht einer Morgeröte, und Puttenschwärme und Helden oder Engel in heiliger Nacktheit blasen, auf Wolken schwebend und die irdisch-natürliche Ordnung überragend, Fanfaren und Trompeten … – Die Parallelen beschränken sich aber nicht nur auf bloße Äußerlichkeiten:

Hauptrollen theatralischer Inszenierungen waren schon in der Antike, waren bei Shakespeare und sind noch bei Büchner und Dürrenmatt der König und „sein“ Narr. Und trat nicht auch Jesu geschichtsmächtigster „Kanzler“ und Oberpriester ausdrücklich in der Rolle eines Narren und nach seinem Namenswechsel überdies in der eines (Hof?-) Zwergs auf – eben als Paulus, „der Kleine“? Und wurde nicht auch Jesus als Königssohn geboren, von Herodes in rot-königlicher Tracht empfangen, zuletzt mit Dornen gekrönt und dann, wie Opferkönige auch anderer Kulturen, im Namen seines Königtums hingerichtet? Und atmen nicht die großen Szenen des Neuen Testaments von Anbeginn und durch die Jahrhunderte Theaterduft? Man denke an die Anbetung der Hirten und Magier, die Brot- und Weinvermehrung, Jesu Wandeln übers Wasser, sowie seine – in alter königlicher Tradition stehenden – Heilungen zumal Lahmer, Blinder und Aussätziger?

Woher all diese sonderbaren Parallelen? – Ein Indiz für ihr hohes Alter liefert das bis in die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends zurück verfolgbare (und sicherlich noch weit ältere) indo-iranische Duo der Götter Mitra und Varuna. Beide waren prominente Schöpfungsgötter, die in den Urzeiten der Welteröffnung bereits so charakteristische Kompetenzen wie die Trennung von Himmel und Erde und insgesamt das Ordnen des anfänglichen Chaos unter Beweis gestellt hatten. Beide galten aber zugleich und bis dato als staatstragende und Recht verleihende Könige – die entsprechend auch die realen Könige Indiens und Irans einsetzten. Diese wiederum fungierten als irdische Repräsentaten der beiden und hatten zum einen deren göttliche Staatskunst umzusetzen, zum anderen aber auch göttliche Schauspiele auszurichten, die ihre urzeitlichen Schöpfungswunder reinszenierten und in Erinnerung hielten. Mitra trat darin in königlichem, Varuna in priesterlichem, fast „modern“ und franziskanisch anmutendem Aufzug und zugleich in der Rolle eines Narren auf.

Ähnliche Traditionslinien lassen sich auch für Kulturen außerhalb des indo-europäischen Raums – von Altamerika bis Ostasien – rekonstruieren. Sie weisen in ihrer Summe klar über den Horizont des noch Überlieferten hinaus in vorgeschichtliche Epochen. – Dennoch: Die sich in solch fernen Fluchtpunkten bündelnden Linien besagen keineswegs per se, dass dieser merkwürdige Komplex von Phänomenen einzig aus durchgängigen Traditionen und ihren sozio-ökonomischen Voraussetzungen erklärlich sei. Nein, nachvollziehbar ist ein so langes und kulturenüberspannendes Fortleben dieser Phänomene nur unter der weiteren Voraussetzung, dass sie über die Jahrtausende hinweg Generation für Generation einen intim menschlichen „Nerv“ trafen.

Diesem „Nerv“, aber auch den besagten Traditionslinien nachzuspüren, ist das Thema unseres Symposions. Je nach Arbeitsgebiet der Gäste sollten die Referate deshalb

(1.) deskriptive, die Nuancen des Phänomenkomplexes fixierende, (2.) genetisch-rekonstruierende und (3.) anthropologisch-psychologische Akzente setzen.


Der Tagungsband zu unserem 2009 abgehaltenen Symposion „Herrscherkult und Heilserwartung“ vermag für das hier ausgeschriebene Thema Inspirationen zu geben. Im Fokus sollten dieses Mal aber stehen:

  • die Entstehung des Adels und eines adelsähnlichen Priestertums sowie die damit verbundenen komplementären aber auch kompetitiven Dynamiken

  • die Frühgeschichte des sakralen Schauspiels und dessen Verquickung mit der Ausgestaltung von Gewaltenmonopol, Recht und Staatlichkeit.


Alle Beiträge werden in einem Sammelband veröffentlicht

(hg. von Nikolai Grube und Harald Strohm)